Ein Dezemberabend

Ein Dezemberabend
Leo und Anette bewohnten seit einigen Jahren ein Häuschen am Stadtrand. Vom Stadtzentrum ist es vielleicht so 30 Minuten entfernt. Anette hat es von ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter vor etwa 4 Jahren geerbt. Leo hat, als Bauingenieur war er mit vielen Arbeiten vertraut, selber Hand angelegt und das Häuschen renoviert, mit sehr viel Enthusiasmus, aber mit noch mehr Liebe. Im oberen Stock gabs sogar ein Kinderzimmer, mit allem Drum und Dran. Bettchen, Wickelkommode, Elektrischem Fläschchenwärmer, jede Menge Windeln, Babykleidung und was man halt alles so braucht für ein kleines Neugeborenes Kind. Anette war Anfang des Jahres schwanger geworden, und so waren beide ganz verrückt dem Tage entgegenfibernd. Nach 7 Monaten Schwangerschaft verlor Anette ihr Baby, und als die Ärzte ihr erklärten dass sie nie mehr Mutter werden könne, beschloss sie das Kinderzimmer zu behalten und es als ihre Erinnerung an den kleinen ungeborenen Menschen zu konservieren. Einmal in der Woche ging sie, wenn Leo nicht zu Hause war in das Zimmerchen, setzte sich auf einen der kleinen Stühle, und hielt Zwiesprache mit ihrem Kind. Danach war sie wieder für eine Woche gerüstet.

Die Zeit bewegte sich unaufhörlich dem Weihnachtsfest entgegen. Heute war schon der 22 Dezember. Noch 2 Tage bis zum Fest. Ohne Baby...........

Leo arbeitete sehr viel, wenn er nicht auf Baustellen musste, dann gabs für ihn immer was im Büro der Baufirma in der er beschäftigt war zu tun, und somit musste er im Winter nicht zum Arbeitsamt gehen, er hatte immer einen kontinuierlichen Verdienst. Manchmal mehr manchmal weniger. Aber es reichte gut für sie beide. Leo hatte für seine Anette wegen des sehr kalten Winters einen wunderschönen Kunstfellmantel gekauft als Weihnachtsgeschenk, sie wünschte sich dieses Modell schon seit einigen Monaten, nun hatte er ihn also erstanden, das halbe Weihnachtsgeld war dafür draufgegangen. Aber was soll's meinte er zu sich, Anette hat sicherlich eine große Freude damit, und vielleicht hilft ihr das über ihr Schicksal ein wenig hinweg. Sie sollte sehen dass er sie liebt. Über alles.

Auch Anette hatte für Leo ein schönes Geschenk gekauft. Einen Daunen gefütterten Parker und ein paar warme Winterschuhe. Leo beschwehrte sich immer dass er auf dem Nach Hause Weg kalte Zehen bekäme. Für den Weihnachtsabend war auch ein schöner Truthahn in der Kühltruhe, und in den vergangenen Wochen hatte Anette Unmengen von Keksen gebacken. Heute nun wollte sie noch einen großen Kuchen backen so dass sie dann für die Weihnachtsfeiertage alles voerbereitet hätten was man so benötigt. Vielleicht kommt Leo's Bruder und auch eine Cousine von Anette hatte sich bereits angesagt. Also war alles bereit.

Der 23. Dezember ging vorbei, Im Fernsehen wurde vor Bettlern gewarnt die gerade zu Weihnachtszeit gerne an die Türen klopfen um ein paar Euro zu erbetteln. Aber Anette meinte zu ihrem Leo, „hier heraussen werden wir wohl Ruhe haben, so weit kommt keiner aus der Stadt heraus.“ Die Nacht zum 24. war etwas stürmisch, und als Anette frühmorgens zum Fenster raussah, erschrak sie erst mal da alles weiß vom in der Nacht gefallenen Schnee war. Es gab sicherlich so an die 40 cm Neuschnee. „Oh bin ich froh, wir haben alles zu Hause, und wir müssen nicht aus dem Haus.“ Es schneite den ganzen Tag. Am Nachmittag füllte sich das Haus mit einem wunderbaren Bratenduft, und beide waren damit beschäftigt für den geliebten Partner Weihnachten vorzubereiten. Anette in der Küche, Leo im Wohnzimmer, wo er sich mit dem Schmücken des Christbaumes beschäftigte.

Der Truthahn war fast fertig, der Baum war geschmückt. Die beiden saßen im Wohnzimmer und stießen mit einem Glas Rotwein auf das Fest an. Es war bereits so gegen 19 Uhr dreißig. Draussen wars stockfinster, und ausser den Schneeflocken die durch die Luft wirbelten und dem Gesang des eisigen Windes war nix zu hören und nix zu sehen. Und dann ertönte der DING DONG an der Haustüre. Heute ist Heiliger Abend, meinte Leo, da gehen wir am besten gar nicht zur Tür. Und so blieben sie beide sitzen. Aber nach vielleicht einer oder zwei Minuten nochmals: DING DONG. Wer kann denn das bloß sein? Leo machte sich auf den Weg, und Anette ging mit ihm mit zur Haustür. Sie hatte ein wenig ein ungutes Gefühl im Bauch aber Leo war ein kräftiger Mann, sie fürchtete sich nicht. Leo fragte durch die geschlossene Tür wer denn da sei, aber ausser einem unverständlichen Gemurmel konnte man nichts hören. Also öffnete Leo die Tür, ließ aber die Sperrkette zu sodass man die Tür nur einen Spalt weit aufmachen konnte. Er lugte hinaus, um dann die Kette loszumachen und die Türe aufzumachen. Draussen stand ein Mann eingehüllt in eine Decke und eine Frau mit einem dicken Kopftuch auf dem Haar, und einem alten Mantel der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. „Mein Frau nicht gut, hat Schmerzen, Hunger, kalt. Ich warten hier bitte mein Frau Stück Brot und Wasser geben. Ich nix brauche, ich warte hier heraussen“ Sein Deutsch war mehr oder weniger nicht vorhanden. Die Frau war etwas jünger obwohl man nicht sagen konnte wie alt er eigentlich war. Anette sah ihren Mann an der nur nickte. Und dann nahm er ihn und Anette die Frau an der eiskalten Hand und zogen sie beide ins Haus. Wo kommt ihr denn nur her, heute sollte doch niemand auf der Straße sein. Der Mann verneigte sich immer wieder und wieder. Und dann sprachen die beiden miteinander, eine fremde kehlige Sprache. Leo meinte das müsse wohl arabisch sein. Anette nahm der Frau den Mantel ab und jetzt erst merkte sie dass die Frau hochschwanger war. Auch Leo half dem Mann sich ein wenig aus seiner Decke zu schälen, darunter hatte er gerade mal eine dünne Hose und ein leichtes Hemd an.

Wo kommt ihr denn her? Um Gottes Willen wo seid ihr denn zu Hause. Und was macht ihr denn hier. Viele Fragen. Aber die beiden verstanden wohl kein einziges Wort. Also erst mal ins warme Zimmer, dann ließ Anette Leo mit den beiden alleine und ging in die Küche. Sie dachte dass der Truthan auch für 4 Leute groß genug ist, sie zerteilte ihn in 8 Stücke, Kraut in einen Topf, Knödel auf ein Teller und damit ging sie nun ins Wohnzimmer und stellte alles auf den Tisch. Dann noch zwei Gedecke auf den Tisch, und dann bat sie alle zu Tisch. Leo hatte in der Zwischenzeit herausgefunden, dass die beiden in einer Kleinstadt etwa 20 km entfernt wohnten, sie mussten aber ihr Behelfsquartier verlassen früh am Morgen, weil der Hausherr das kleine Zimmer für die angereiste Verwandtschaft benötigte. Die beiden waren den ganzen Tag durch den Schneesturm im tiefen Schnee stapfend auf dem Weg in die nächste Stadt gelaufen um vielleicht hier ein neues Quartier zu finden. Anette dachte sich nur „wie kann man nur so herzlos sein und die Leute am Weihnachtstag in die Kälte schicken.“ Die beiden waren Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Sie kamen vor 8 Wochen mit einem illegalen Transport ins Land. Und nun waren sie bereits in 4 verschiedenen Quartieren und nirgens konnten sie bleiben. Anette verteilte auf die Teller jedem am Tisch ein Stück von dem Truthahn, einen Knödel und etwas Kraut. Dann sagte sie Guten Appetit und Leo und Anette begannen zu essen. Die beiden Fremden schauten ihnen zu. Anette ermutigte sie auch zu essen, aber die beiden getrauten sich nicht. Da fiel ihr ein wenn die beiden aus dem Nahen Osten kamen waren sie vielleicht Moslems, und dann hatten sie einfach nur Sorge ob das Fleisch das ihnen angeboten wurde nicht vielleicht vom Schwein war. Da ging Anette in die Küche und holte aus dem Mülleimer die Plastikverpackung des Truthahnes hervor darauf war ein schönes sogar farbiges Bild eines Truthahnes drauf. Also ging sie zurück und zeigte den beiden den Vogel und erklärte mit viel Phantasie dass alles andere Gemüse und Brot war. Die beiden strahlten plötzlich beide übers ganze Gesicht und dann legten sie los. Sie aßen Berge von Knödel, und jede Menge Rotkraut, und auch das Fleisch schien ihnen gut zu schmecken. Als die Teller leer waren füllte Anette sie nochmals an, und nochmals aßen die beiden mit Heißhunger. Leo war in der Zwischenzeit in die Küche gegangen und kam nach einigen Minuten mit einer dampfenden Kanne mit Tee zurück. Dazu etwas Milch und Zitrone und Zucker.

Anette versuchte nun herauszufinden wie die beiden hießen, weil es halt einfacher war sie beim Namen zu nennen als immer nur anstubsten und Du zu sagen. Nach einiger Zeit war es klar. Die Frau hieß Mira und der Mann Jussuf. Es dauerte eine Weile bis die beiden verstanden was Anette wollte, sie sagte immer wieder auf sich zeigend „A n e t t e „ und dann auf Leo zeigend und sich mit seinem Namen zu wiederholen. Mira und Jussuf. Und dann erschrak sie plötzlich ungemein. Sie begriff erst nach einiger Zeit was dies bedeutete. Mira und Jussuf ---- Maria und Josef !

Anette wurde es schwindlig, und sie stand auf vom Tisch und lief in die Küche, dort setzte sie sich auf einen Stuhl und überdachte die ganze Sache. Maria und Josef waren zu Gast in ihrem Hause. Es war der Weihnachtsabend. Und Maria war hochschwanger. Anette war keine sehr gläubige Frau, aber dieser Zufall war auch für sie ausserordentlich. Leo kam in die Küche und brachte einen Teil des Geschirrs. Er sah seine Frau an und fragte sie „Gehts Dir nicht gut?“ Leo, bei uns sind am Heiligen Abend Maria und Josef zu Besuch. Sie sagte dies völlig ruhig und ohne Betonung. Nun verstand auch Leo ihre Worte. Und auch er war erst einmal völlig perplex. Diese Frau ist schwanger, wenn sie ihr Kind heute nacht bekommt, dürfen wir sie nicht mehr in die kalte Winternacht hinausschicken. Wir behalten sie hier. Sie können im Gästezimmer wohnen. Am heutigen Tag sollte niemand ohne warmes Bett sein. Ich werde allerdings den Bürgermeister anrufen und ihm sagen dass die beiden hier bei uns sind.

Sie gingen beide zurück ins Wohnzimmer, Maria und Josef tranken ihren Tee. Kurz danach wollten die beiden wieder aufbrechen, um in der Stadt ein neues Quartier zu suchen. Eine Pension oder ein billiges Hotel würde gut sein. Da sagte Anette zu den beiden: „Heute geht ihr beiden nirgens mehr hin. Ihr seid unsere Gäste. Wir möchten euch beide bitten bei uns zu bleiben und mit uns das Weihnachtsfest zu feiern. Ihr solltet nicht so wie vor über 2000 Jahren in einem Stall landen.“ Das verstanden die beiden zwar nicht, aber sie verstanden die Einladung.

Anette brachte danach noch Kaffe und Kuchen und die vier saßen zusammen und versuchten sich so gut es halt ging sich zu unterhalten. Nach einiger Zeit begann Mira herumzurutschen und schaute nervös nach Jussuf, der sprach sie auf arabisch an und sie sprachen miteinander. Nach einigen Worten meinte Jussuf, „Meine Frau fühlt sich nicht sehr wohl, vielleicht hat sie etwas zuviel gegessen. Vielleicht könnte sie sich ein wenig hinlegen. Anette nahm die junge Frau an der Hand und führte sie ins Gästezimmer im oberen Stock. Es dauerte lange bis Anette zurückkam, sicherlich über eine Stunde, die beiden Männer saßen beim Tisch und Jussuf versuchte zu erzählen wie es ihnen in diesen Wochen seit sie ihre Heimat verlassen mussten, ergangen war.

Anette kam zurück ins Wohnzimmer und setzte sich erschöpft zum Tisch. Leo fragte sie wie es Mira ginge und da sagte Anette nur: „Es ist ein Junge“ Dann nahm sie Jussuf an der Hand und ging mit ihm nach oben. Mira lag erschöpft im Gästebett, neben ihr ein kleines Bündel, mit schwarzen Haaren, rosig, sehr klein. Mira hatte in der letzten Stunde einem Kind das Leben geschenkt. Anette und Leo standen nur da und sahen still auf die kleine Familie. Dann kam Jussuf auf die beiden zu: „Ihr habt unserem Kind das Leben gerettet. Wie können wir euch dies jemals danken.“ In seiner unverständlichen deutsch-englisch-arabischen Mixtur war dies schwer verständlich aber Anette tat es ab mit den Worten, „Sprecht nicht davon, dies ist eine Selbstverständlichkeit gewesen. Es ist Weihnachten, und ihr seid Maria und Josef. …............

Leo rief nun den Hausarzt an und schilderte ihm die Situation. Dr. Maier versprach in der nächsten halben Stunde zu kommen. Alle saßen nun rund um die mittlerweile eingeschlafene junge Mutter und bewunderten das kleine Kindchen. Jussuf sagte dann plötzlich, „Ich muss dem Kind einen Namen geben. Ihr ward so gut zu uns. Ihr dürft den Namen wählen.“ Leo wollte dies nicht aber Anette sagte: „Vielleicht kann er Jesus heißen?“ Jussuf's Augen strahlten. „Das ist ein schöner Name, Jesus war ein großer Prophet. Unser Sohn wird Jesus heißen.

Dr. Meier kam nach etwa 20 Minuten, Leo führte ihn in den ersten Stock, er untersuchte das Baby, und auch die Mutter. Es war alles in bester Ordnung. Als Anette ihm die Geschichte des Abends erzählte wurde der Doktor ganz still. Er verabschiedete sich und versprach am nächsten Tag nachmittags wieder zu kommen und nach dem rechten zu sehen.

Autor: Don Carlos

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